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Frauen haben bei Straßennamen das Nachsehen: Rebellische Adelige soll Brücke Namen geben

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„Lahrbuschbrücke“
Katrin Braune, Anne-Kathrin Doerfer
Telefon:01 77/3 83 33 00

Als Frau beim „Alten Fritz“

Stand: Dezember 2020

Erkner als wichtiger Meilenstein in der Emanzipation der Frauen? Dafür ist die „Wiege des Kunststoffzeitalters“ bisher kein Begriff. Doch das soll nun anders werden.

Ausgerechnet dem ehrwürdigen Heimatverein ist ein Manko aufgefallen, das Potenzial für einen Skandal hätte: „In der ganzen Stadt gibt es keine Straße und keinen Platz, der nach einer Frau benannt wäre“, ist Katrin Braune und Anne-Kathrin Doerfer auf­gestoßen. Deshalb beantragte nun Heimatvereins-Chef Hans Hoffmann bei Bürgermeister Henryk Pilz, dass die wichtigste Überquerung der Stadt zur „Lahrbuschbrücke“ oder noch besser zur „Majorin von Lahrbusch Brücke“ wird. Das Bauwerk überquert als Fortsetzung der Friedrich­straße als Stadtmagistrale das Flakenfließ und den Anfang vom Dämeritzsee.

Mit Goethe verwandt
Damit würde ein wichtiger Teil Erkneraner Stadtgeschichte ins öffentliche Bewusstsein gerückt. „Majorin“ Philippine Albertine von Lahrbusch machte im 18. Jahrhundert Schlagzeilen, als sie die Maulbeerplantagen ihres verstorbenen Mannes weiterführte.
„Sie verzichtete auf eine weitere Heirat, wie es damals üblich war. Dann wären die Besitzungen an den neuen Ehemann übergegangen. Sie wollte sie aber an ihre Kinder weiter­geben“, erklären Katrin Braune und Anne-Kathrin Doerfer. Diese Eigenwilligkeit könnte der Majorin in den Genen gelegen haben: „Sie ist eine gebürtige Lütckens. Ihre Mutter war Großtante von Johann Wolfgang von Goethe“, weiß Anne-Kathrin Doerfer.

Erster Postmeister
Stadthistoriker Frank Retzlaff fasst die Hintergründe so zusammen: „Ihr Mann Friedrich Philipp von Lahrbusch war preußischer Major im 21. Infanterieregiment. Er übernahm 1761 die 1752 begründete Maulbeerplantagen, die Friedrich der Große initiiert hatte. Sie gingen bis zur Brücke über das Flakenfließ. Diese gibt es seit 1712. Sie war allerdings schon immer namenlos.“
Major von Lahrbusch kam 1760 nach Erkner und ging schon ein Jahr später als erster Postmeister in die Geschichte ein. Die Station war ebenfalls an der Brücke angesiedelt.
Als er 1782 starb, hinterließ er mehrere Kinder und eine erst 40 Jahre alte Witwe.

Skandal und König
Diese entschloss sich, mit allen damaligen Gepflogen­heiten zu brechen und die Plantage selbst als Unternehmerin weiterzuführen. Die Folge der skandalträchtigen Entscheidung waren ständige Pressionen durch die Rüdersdorfer Domänenverwalter.
Ganz unüblich für die damalige Zeit ging die junge Witwe dagegen juristisch vor. Sie drang mit ihrer Sache zudem beim „Alten Fritz“, Friedrich II., vor. „Sie ist die einzig historisch dokumentierte Bewohnerin Erkners, der das gelang“, ist Heimatvereins-Vorsitzender Hans Hoffmann sichtlich stolz auf die unerschrockene Frau. „Zudem ist sie die einzige Adelige, die in Erkner längere Zeit, nämlich etwa 33 Jahre, lebte“, ergänzt Frank Retzlaff.

Rebellisch unterwegs
Anne-Kathrin Doerfer, die seit 2011 beim Erkneraner Festumzug die emanzipatorische Adelige verkörpert, kann sich mit deren Charakter sehr identifizieren. Ist die attraktive 55-jährige frühere Verwaltungs­beamtin, die es von Mahlsdorf nach Erkner verschlagen hat, doch dabei, in einer Biografie die Erlebnisse zu verarbeiten, die zu ihrer frühen Pensionierung führten. Erkners Frauen sind also dabei, Wellen auszulösen. Mal sehen, wie lange der Dämeritzsee seine Wogen noch unter einer Brücke ohne Namen schlägt!

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